Montag, 16. September 2013

Vom Alptraum - Muster kurz aufgewacht

Was berührt uns als Helfer beim Helfen? Was macht uns weit? Wann ist das zuletzt passiert? Was macht uns plötzlich hellwach? - Wenn mir so ein besonderes Erlebnis, das mich berührt passiert, bin ich irgendwie erleichtert: Ich spüre wieder: "Ja, das ist meine Berufung. Ohne diese Erlebnisse wäre ich nicht mehr in diesem Beruf." Mir geht das übrigens mit meinem Glauben an Gott auch so: Ich hätte wohl keinen Bezug mehr zu Gott, wenn ich da nicht immer wieder er-le-ben würde, dass Glaube aktuell in meinem Leben aufblinkt.

Jede Beziehung ist darauf angewiesen, dass sich abwechselnd der eine oder andere aufmacht und sagt: "Ja Du hast einen Platz bei mir. Ich gebe Dir was- und ich nehme gerne von Dir". Dieser Ausgleich ist ein wahres Geschenk und nicht einzufordern.

Beziehung bedeutet ja: ein Nehmen und Geben auf beiden Seiten. Gibt nur noch der eine oder andere ist es keine Beziehung mehr.

Nehmen und Geben ist nicht linear
In unserem Beruf ist das Nehmen und Geben auf unglaublich viele Menschen verteilt. Der Wechsel von Nehmen und Geben ist auch nicht linear an das Gegenüber gebunden, dem ich gerade etwas gegeben habe. Es ist ein scheinbar ganz wirres Durcheinander. Und doch kommt das Nehmen und Geben oft genau pünktlich. Im Folgenden Beispiel habe ich ins "ungewisse" gegeben und dann satt genommen.

Beispiel:
Eine ältere Patientin liegt mit Beckenringfraktur als Pflegefall um Bett. Als ich sie bei der Bereichspflege übernehme höre ich schon, dass sie überwiegend stöhnt. Dann sagt die Nachbarin, dass sie schon tagelang kaum geschlafen hat, da auch nachts kaum mal Ruhe ist. Ich lese im Pflegebericht, dass die Nachtwache auch an ihre Grenze gekommen ist, da man die Patientin kaum dazu bewegen kann für eine gewisse Zeit leise zu sein. Übrigens hat sie natürlich auch Grund für Schmerzen, sie ist jedoch gut mit Schmerzmedikamente abgedeckt, sodass auch Schmerzfreie Zonen da sein müssen.

Die Patienten GIBT ohne Ende
...ihre Töne, und keiner braucht sie.
Wir möchten Ihr Essen, Gespräch und Zuwendung GEBEN
...und sie nimmt einfach nicht. Das frustriert-beide Seiten- Die Patienten hat kaum Lebensqualität- eher einen Alptraum, aus dem sie deutlich sichtbar nicht rauskommt. Wer in dieses Zimmer geht muss sich kurz wappnen um ruhig bleiben zu können und um genügend Geduld zu haben.



Mir fiel dann auf, dass sie wohl ein Muster entwickelt hat, zu stöhnen. Übrigens hat sie fast immer die Augen zu und ist somit auch visuell schwer zu erreichen. Sie hört auch nicht auf zu stöhnen wenn man mit ihr redet, aber ich bekam heraus, dass sie genau  versteht, was man sagt. Also unterhielt ich mich während der Körperpflege mit ihr (sie stöhnte weiter) und fragte einfach mal, ob sie einen Beruf gelernt hätte. Sie antwortete fast empört, ja, sie ist Lehrerin. Jetzt war ich überrascht, wie klar sie ist. Das konnte man vorher gar nicht ahnen.


 Nun hatte ich  einen anderen Zugang zu ihr. Ich fragte nach den Unterrichtsfächern und sie sagte, sie hätte fast alles unterrichtet. Also fragte ich ob sie ( Ich bitte den Leser dieses Blogs jetzt nicht zu lachen!), also ob sie die Edelgase, aus dem Chemieunterreicht, noch kennt. Man staune: gemeinsam sagten wir sie runter: Neon, Helium, Argon, Krypton, Xenon, Radon. Ui, was für eine Wende. Ich gab ihr die Aufgabe sich ein Lied zu überlegen, dass wir  ( wieder nicht lachen- oder macht ihr das auch?) gemeinsam beim nächsten mal singen könnten. Ich zählte ein paar Volkslieder auf.

Beim nächsten Treffen mit Lagewechsel fragte ich nach einem Lied. Plötzlich sang sie ein Segenslied: "Sei behütet auf Wegen" Ich kenne das Lied nicht, aber sie hatte nun das stöhnen tatsächlich gegen Singen eingetauscht. Dann kam später ein Arzt und stellte fest, dass die Patientin derart wach und anders ist- (still habe ich mich natürlich gefreut, dass es auch andere sehen können) Darauf ging ich noch mal ins Zimmer und siehe da: beide Augen waren freiwillig auf und sie sah mich und nahm das erste mal meinen Blick in dem sie mir in die Augen schaute. Mensch das hat mich berührt. Plötzlich war da ein ganzer Mensch.

Wie lange hält so eine Wende wohl an? Ihr habt sicher Eure eigenen Erfahrungen. Oft kippt bei einem Schichtwechsel so ein aufflackerndes Bewusstsein wieder zurück in das alte Muster. Ehrlich gesagt ist es nicht wichtig wie lange, sondern "ob" und "ob immer wieder mal" jemand auftaucht. Sichtbar war für mich und andere, da hat jemand für ein paar Stunden, etwas mehr Lebensqualität gehabt - als vorher.

Unsere Stimme, unsere Hände und unsere Augen sind so ein kostbarer Weg zu geben.Schreibt Eure eigene Geschichte!

Dankbarer Gruß: Systnurse


Kommentare:

  1. Moin,
    ein wunderbares Erlebnis. Es macht sehr deutlich, daß es wirklich segensreich ist, zu reflektieren, und Neues zu probieren.
    LG, Heike

    AntwortenLöschen
  2. danke für diese mutmachende Erfahrung
    LG
    Martin

    AntwortenLöschen